Prekariat - Informationen rund um das prekäre Leben

Hanna

Wir sitzen bei Helga im Zimmer, sie schenkt Wasser aus dem Krug in ein Glas, trinkt. Wir dürfen nichts weiter sagen, sagt sie, denn es ist noch nichts offiziell. Aber der Chef hat ihr heute bei der Projektleitersitzung schon die Liste der Namen derer überreicht, die in der Firma bleiben werden. Die anderen müssen gehen nach Ablauf des Projekts, das wissen wir. Ich zünde noch schnell eine Tschik an, weil die Namen dann vielleicht erträglicher werden, inhaliere tief.

Mein Name ist nicht dabei.

Das hat nichts zu bedeuten, sagt Helga mit einem Blick, der etwas bedeutet. Wer weiß wie das ist bis dahin und ich wisse ja, dass sich das bei diesen Projekten immer noch alles ändern kann in letzter Minute, sagt sie und dämpft die Zigarette aus. Ich hätte nach 35 Jahren Lebenserfahrung gerne die Fähigkeit zum Pokerface erworben. Habe ich aber nicht. Und spüre, wie sich die Haut auf meinem Kinn kräuselt.

Trixi feiert im dritten Stock Geburtstag, da müssen wir also auch gleich hin und mit Sekt anstoßen. Nur ist mir plötzlich nicht mehr danach.

Helga tut hektisch, ich versuche ihren Blick zu deuten, sie sagt nichts mehr, aber was soll sie auch noch sagen?

Auf dem Weg zu Trixi versuche ich, es positiv zu sehen: vielleicht wird mir jetzt Mietbeihilfe gewährt oder wie das Zeug heißt, ja genau, das ist dann auch fällig beantragt zu werden. Als erwerbslose Alleinerzieherin. Aber da kenne ich mich nicht aus. Da muss ich mich informieren. Ich spüre, wie ich schon im Ansatz dieses Gedankens abrupt ermüde. Oder ist das an die Arbeitslosenversicherung gebunden? Das bin ich nämlich nicht: arbeitslosenversichert. Werkvertrag heißt ja bekanntlich das Zauberwort. Neue Selbständigkeit. Ich-AG.  Ich spüre den freien Fall, aber kein kein soziales Netz breitet sich unter mir aus.

Nach dem Glas Sekt bin ich benebelt, ich stolpere die Stiegen hinunter, die Tante Monika wird mich wieder schräg anschauen, wenn ich die Kleine vom Kindergarten hole.

Sie wird sich wieder an mich nesteln und mir von ihrem Tag erzählen. Ich werde ihr nicht zuhören können. Wie wenig ich für dieses Kind da sein kann. Bin wieder in mir gefangen und in dieser Scheiße, die mein Leben ist. Und kann nicht raus aus diesem Autismus. Gestern im Fernsehen etwas über Deprivation. Ein autistischer Bub, der nur in seiner eigenen Welt lebt. Sich nicht veräußerlichen kann. Die Eltern vor den Kühlschrank zerrt bei Hunger. Und sich auf den Boden schmeißt, wenn ihm etwas missfällt. Das täte ich auch gerne: mich auf die Straße schmeißen und einfach losschreien, alles herausbrüllen. Aber. Das Kind.

Du hast eine Verantwortung, sagt meine Mutter am Telefon.

Am Abend kostet es mich meine ganze Kraft, dem Kind einen Kakao zu machen, das Pyjama anzuziehen und dergleichen. Ihr Butterbrot auf dem Teller. Sie trocknet mit ihren kleinen Händen meine Tränen, ich hab dich so lieb, sagt sie zu mir.

Ich weiß, was mir so weh tut, wenn ich mit dem Kind zusammen bin: sie erinnert mich an eine längst verlorene Zeit, in der es noch keine Verluste gab, keine Ängste, keine echten Schmerzen.

Später liege ich im Bett, alleine, froh, dass der Tag aufhört, endlich schlafen können, nichts mehr spüren müssen, diesen Film abschalten, der mir so ganz und gar nicht gefällt. Wenigstens für acht Stunden.