Prekariat - Informationen rund um das prekäre Leben

Anna II

Der kleine Prinz

Mein Platz auf diesem Planeten? Tja, der wurde mir reserviert – ein ganz besonderer Platz. Vorbestimmt. Jedoch nicht von mir. So wie werdende Eltern mehr oder weniger liebevoll die ausgesuchten Strampelhöschen ihres Neuankömmlings erwartungsvoll zurechtlegen, so war mir immer mein Platz vorbehalten.

Danach folgten lange Jahre des Gehorsams, des Fleißes, des Funktionierens, in denen ich in großer Dankbarkeit und mit allem Einsatz für diese Gesellschaft diente. Auch diese Jahre der Anpassung waren für mich vorbestimmt. Ich diente nicht nur – nein, ich verdiente – und das mehr als gut. Aber irgendwie schien ich nicht so recht zu funktionieren. Sie hatten mich nicht alle lieb und das machte mich manchmal traurig. Ja, und hatten sie mich lieb, so machte es mich wiederum oft zornig und einsam. Irgendetwas stimmte nicht – etwa mit mir nicht?

Doch dann erwachte ich aus diesem Dornröschenschlaf der Unkritik. Ich wurde wach geküsst von Globalisierung, Marktwirtschaft, Kapitalismus, Arbeitslosigkeit und Notstands“hilfe“. Wo war der Prinz? Irgendjemand schrie: „Geht’s der Wirtschaft gut – geht’s uns allen gut!“

So gerne hätte ich mir meine Wunden geleckt, in meiner Trauer, dass diese Gesellschaft der Kapitalkönige mir keinen Prinzen geschickt hatte, der mich sanft küssend aus meiner Dumpfheit befreit, statt dessen erwartete mich ihr gesandter Prinz mit dem Fratzengesicht eines menschenverachtenden Kapitalismus.

Immer wieder dröhnt es in meinen Ohren: Globalisierung! Expandieren – ins Ausland – billigere Arbeitskräfte – weniger Lohnkosten – maximale Gewinne! Kein Platz für mich? Aber ich störe doch kaum, weniger als eine lästige Fliege, bei mir erspart man sich sogar die Mühe mich zu fangen. Nein, ich bin nicht lästig, ich existiere nicht. Ich nicht – sie alle nicht, wir, diese existenzlosen Geschöpfe. Nicht existierende Opfer des Kapitalismus. Ausgelagert – als bestenfalls freie Dienstnehmer, Teilzeitbeschäftigte, oder mit noch mehr Globalisierungspech Erwerbsarbeitslose – stigmatisierte Langzeitarbeitslose – wir Stiefkinder des AMS und der Politik, aber immerhin aufgestiegen zum Rang der – zumindest - lästigen Fliege? Klatsch!
Nein, eher ein Virus namens Arbeitslosigkeit – ein Virus dieser Gesellschaft, das sich immer stärker ausbreitet. Gibt es eine Chance zur Veränderung? Und vor allem – was ist nun mein Platz auf diesem Planeten?

Nun, jetzt erst wird mir bewusst, wer ich wirklich bin. Ein kleiner Prinz – ohne Kapital. Ein kleiner Prinz der Solidarität, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, all diese Unwissenden, zur Dumpfheit erzogenen wach zu küssen, so dass sie wie ich gegen den Strom des Kapitalismus schwimmen, um an die Quelle der Menschlichkeit zu gelangen.