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Armutsgefährdung in Österreich

Armutsgefährdung und Armut in Österreich
Die Kommission der Europäischen Union hat es sich mit der Lissabon-Strategie zum Ziel gesetzt mittels einer Weiterentwicklung der europäischen Beschäftigungs- und Sozialpolitik und vor allem über den Faktor Wirtschaftswachstum soziale Ausgrenzung zu bekämpfen. Doch wie relevant sind Begriffe wie soziale Ausgrenzung und Armut in einer reichen Gesellschaft wie Österreich überhaupt? Und falls es so etwas bei uns gibt, wer sind die von Armut Betroffenen? - Dieser Kurzbeitrag versucht, diese Frage mit Hilfe einiger aktueller Zahlen zu beantworten.

Armutsbegriffe und Ausmaß der Betroffenheit
Absolute Armutslagen, wie Unterernährung, greifen als Armutskonzept in den reichen Gesellschaften der westlichen Welt zu kurz. Es hat sich eine relative Sicht der Armut in Europa durchgesetzt. Dabei erfolgt eine Orientierung am aktuellen mittleren Wohlstandsniveau einer Gesellschaft.
In den letzten Jahren wurden auf EU-Ebene methodische Standards für die nationale und EU-Berichterstattung zur Erfassung von Armut etabliert. Zentraler Armutsindikator ist dabei das jährliche Haushaltseinkommen - das Einkommen aller Personen im Haushalt bezogen auf das letzte Kalenderjahr. Um die Vergleichbarkeit verschieden großer Haushalte herzustellen, wird ein gewichtetes Pro-Kopf-Einkommen (sog. Äquivalenzeinkommen) errechnet. Im Bewusstsein, dass Armut mit diesem Konzept nur indirekt erfasst werden kann, wird von Armutsgefährdung gesprochen. Für eine EU-weite und vergleichbare Berichterstattung zu Armutsgefährdung wurde in der politischen Diskussion 60% des Medians des gewichteten Jahreseinkommens (Äquivalenzeinkommens) als kritischer Wert festgelegt.
Für 2005 liegt das mittlere gewichtete Pro-Kopf-Einkommen in Österreich bei knapp 18.000 Euro. Die Armutsgefährdungsschwelle betrug 2005 somit 10.800 Euro für einen Einpersonenhaushalt, das sind rund 900 Euro pro Monat. 2005 waren 12,3% der Bevölkerung armutsgefährdet, rund eine Million Österreicherinnen und Österreicher müssen als armutsgefährdet bezeichnet werden.

Armut ist jedoch mehr als niedriges Einkommen, es sind die mangelnden Möglichkeiten, die gesellschaftliche Teilhabe verhindern und deprivierte Lebenslagen verfestigen. Aktuell muss man bei 5% der Bevölkerung in Österreich manifeste Armut annehmen, das sind rund 420.000 Personen - davon rund 100.000 Kindern und Jugendlichen unter 20 Jahren. Bei ihnen verfestigt sich somit das niedrige Einkommen auch in einer sichtbar prekären Lebenssituation, Merkmale dafür sind beispielsweise: akute Zahlungsrückstände, Leben in einer Substandardwohnung, Verzicht auf grundlegende Bedürfnisse und Konsumgüter, die in unserer Gesellschaft als „Norm“ anerkannt sind, zum Beispiel die Wohnung ausreichend zu heizen oder ein Mal pro Jahr einen Urlaub zu machen.
Entstehungszusammenhänge des Armutsrisikos

Wer sind die betroffenen Bevölkerungsgruppen bzw. wie können Armutslagen entstehen?

Zentrale Sicherungsinstanzen für soziale Teilhabe sind Erwerbsarbeit, Familie bzw. Haushaltsstruktur und Sozialstaat. Sowohl der Grad der Einbindung in den Arbeitsmarkt als auch die Zusammensetzung der Haushalte bestimmen die ökonomische Situation von Haushalten grundlegend. Wie staatliche Leistungen verteilt sind, nimmt ebenfalls einen entscheidenden Einfluss auf die Lebenschancen.
Die Schlüsselrolle der Erwerbsarbeit bei der Vermeidung von Armut wird anhand des Armutsrisikos nach Haupttätigkeit deutlich. Bei Erwerbstätigen bleibt die Armutsgefährdung mit 7% deutlich unter dem Wert für die Gesamtbevölkerung. Alle nicht im Erwerbsleben stehenden Personen mit Ausnahme der Pensionistinnen und Pensionistenen tragen ein überdurchschnittliches Armutsrisiko:

Hausfrauen/-männer sind mit 21%, Personen in Ausbildung mit 25% und Arbeitslose zu einem Drittel von Armutsgefährdung betroffen (33%). Dennoch, von allen Armutsgefährdeten im Erwerbsalter sind fast die Hälfte (45%) auch erwerbstätig. Von den knapp 3,5 Millionen Erwerbstätigen im Erwerbsalter sind rund 249.000 (=7%) armutsgefährdet und müssen damit als working poor bezeichnet werden.
Ausschlaggebend für die Chancen auf dem Arbeitsmarkt und die Möglichkeiten, eine gute berufliche Position zu erlangen, ist vor allem die Qualifikation. Neben einem höheren Risiko, gar keinen Job zu finden, haben Personen mit maximal Pflichtschulabschluss, auch wenn sie einer Erwerbstätigkeit nachgehen, ein höheres Armutsrisiko. Der Anteil der Personen, die Hilfsarbeiten verrichten, an den Erwerbstätigen insgesamt macht 19% aus, aber über ein Drittel (36%) an den Armutsgefährdeten. Ein weiterer Faktor, der die beruflichen Chancen und somit das Einkommen bestimmt, ist die Herkunft. 62% der erwerbstätigen AusländerInnen verrichten Hilfsarbeiten, bei den in Österreich geborenen Erwerbstätigen sind es nur 15%. In höher qualifizierten Jobs sind Ausländerinnen und Ausländer praktisch kaum vertreten. Zwar wird ein Teil der Benachteiligung von nicht-österreichischen Bürgerinnen und Bürgern auf dem Arbeitsmarkt durch geringere Ausbildungsniveaus erklärt, die Gründe für ihre mangelhafte Integration in den Arbeitsmarkt sind jedoch vermutlich vielfältiger.

Nach wie vor sind die meisten Familien nach dem Prinzip des Mannes als Hauptverdiener organisiert. Angesichts einer generell sehr hohen Erwerbsbeteiligung der Männer im Erwerbsalter (80%), wobei nahezu alle erwerbstätigen Männer einer Vollzeiterwerbstätigkeit nachgehen (die Teilzeitquote beträgt ca. 5%), ist die Variation der Erwerbsintensität im Haushalt sehr stark von der Teilnahme der Frauen am Erwerbsleben abhängig. Knapp zwei Drittel der Frauen im Erwerbsalter gehen einer Erwerbstätigkeit nach, davon ist über ein Drittel teilzeitbeschäftigt. Betreuungspflichten als Haupthinderungsgrund für die Aufnahme einer (Vollzeit-)Erwerbstätigkeit sind mit Alter und Zahl der Kinder erklärbar. Mit dem Kindergarteneintritt des jüngsten Kindes steigt die weibliche Erwerbsbeteiligung auf rund 70% an, jedoch erst im Schulalter der Kinder überwiegt die Vollzeitbeschäftigung bei den Frauen. Das Ausmaß der Armutsgefährdung hängt somit in hohem Maße von der Zusammensetzung der Haushalte ab und davon, ob von der Frau ein (zusätzliches) Einkommen erwirtschaftet wird. Bei Familien mit drei und mehr Kindern und bei Familien mit kleinen Kindern zeigt sich ein erhöhtes Armutsrisiko, besonders dann, wenn die Frau nicht erwerbstätig ist.

Zu den Jahr für Jahr als eine der am stärksten von Armut betroffenen Gruppen zählen auch Ein-Eltern-Familien (hauptsächlich alleinerziehende Frauen) und Singles (vorwiegend Pensionistinnen).
Ergänzend zum Erwerbseinkommen oder als Einkommensersatz im Fall von Pensionierung, Erwerbsunfähigkeit oder Arbeitslosigkeit sieht das österreichische Sozialsystem eine Reihe von Leistungen vor, die zwar nicht als direkte Maßnahmen der Armutsbekämpfung konzipiert sind , jedoch vielfach einen wichtigen Bestandteil des Gesamthaushaltseinkommen, gerade bei Niedrigeinkommenshaushalten, darstellen. Sozialleistungen übernehmen somit indirekt eine Funktion in der Verringerung von Armutsrisken und zum Erhalt eines gewissen Lebensstandards. Ohne Sozialleistungen und Pensionen wären statt 12% der Bevölkerung 43% armutsgefährdet.
Zum Abschluss: Ein paar kritische Anmerkungen zum Konzept

Die Festlegung auf 60% des Medians des Äquivalenzeinkommens als Armutsgefährdungsschwelle ist eine normative Entscheidung zur Erfassung von niedrigem Einkommen. Sie kann aber nicht als absolutes Maß für Armut oder als empirischer Richtwert zur notwendigen Mindestsicherung in einer Gesellschaft herangezogen werden und entspricht nicht unbedingt dem tatsächlichen Wert, den Menschen als notwendige Ressourcen erachten, um grundlegende Bedürfnisse abzudecken.
Die derzeitige Armutsgefährdungsquote ist von der Preisentwicklung unabhängig. Besonders die Teuerung von Gütern, die einen großen Anteil im Budget einkommensschwacher Haushalte besitzen (z.B. Miet- und Heizkosten), kann zu einer effektiven Verschlechterung der Lage führen, bleibt aber von der herkömmlichen Messung unbemerkt. Aber auch steigende Ungleichheit kann in dieser Maßzahl unbemerkt bleiben: Steigende Spitzeneinkommen bei gleichzeitigem Sinken der unteren Einkommen wirken sich auf die Armutsgefährdung überhaupt nicht aus.

Zur Einordnung der vorliegenden Zahlen darf außerdem nicht unerwähnt bleiben, dass sie sich ausnahmslos auf die Befragung EU-SILC stützen, die Einkommen in Privathaushalten in Österreich erhebt. Personen in Heimen und anderen Anstaltshaushalten sowie wohnungslose Menschen sind in dieser Erhebung nicht enthalten. Schwer erreichbare Gruppen wie Migrantinnen und Migranten aber auch Sozialhilfeempfängerinnen und -empfänger sind in Erhebungen meist untererfasst. Deren Armutsrisiko ist demnach hier nicht oder nur unzureichend einbezogen.

Dennoch: trotz dieser methodischen Einschränkungen belegen die Zahlen Jahr für Jahr, dass Armut in Österreich existent ist. Das Risiko in Armut zu geraten ist für einige Personengruppen erhöht – Arbeitslose, schlecht qualifizierte Personen, ausländische Bürgerinnen und Bürger, Alleinerziehende, Singles – während andere – wie Familien mit ausreichend Erwerbseinbindung – relativ gut abgesichert leben können.

Nadja Lamei, Statistik Austria
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